Rochus Freiherr von Liliencron

(1820-1912)
zum 100. Todestag am 5. März 2012

Universelle Begabungen, die sich im Laufe ihres Lebens auch noch in verschiedene Richtungen verwirklichen können, hat vielleicht zuletzt das 19. Jahrhundert hervorgebracht. Einer von diesen Menschen liegt begraben auf dem Luisenfriedhof II in Berlin, Königin-Elisabeth-Straße 46, in einem Ehrengrab des Landes Berlin und ist heute dennoch so gut wie vergessen. Allenfalls sein Neffe, der Dichter Detlev von Liliencron, sagt heute noch dem einen oder anderen etwas. Dabei ist seine hervorstechendste Lebensleistung, die Organisation und Herausgabe der „Allgemeinen Deutschen Biographie“ (ADB) – als biographisches Sammelwerk in 55 Bänden mit über 26 000 Beiträgen – so etwas wie ein Vorläufer von wikipedia, jedenfalls auf dem Gebiet ausführlicher Biographien bedeutender Deutscher.

Der im Jahre 1820 in Plön/Holstein geborene Germanist, Musikforscher und Wissenschaftsorganisator Rochus von Liliencron ist in seinem Leben viel herumgekommen. Dabei kommt er immer wieder auch nach Berlin, zuerst 1841 als Student, der vom Studium der Theologie und der orientalischen Sprachen zuerst zu Jura und dann zur Germanistik wechselt. Hier in Berlin wurde er sich „eines geistigen Triebes bewußt, der nach allen Seiten ins Weite strebte, der möglichst hoch zu fliegen sich sehnte, um aus der Höhe möglichst weit über die Welt zu schauen“ (Lebenserinnerungen, S. 119). Hier in Berlin erfüllte ihn „all das Große und Neue, was mir … in Kunstschätzen, Musik und Theater entgegentrat“. Danach hat er in Kopenhagen die nordische Literatur studiert und sich 1848 in Bonn habilitiert. Anfang 1849 war er wieder in Berlin, als Vertreter der Provisorischen Kieler Regierung nach der schleswig-holsteinschen Erhebung gegen Dänemark. Nach Stationen u.a. in Kiel, Jena und Meiningen, dort zuletzt als Geheimer Kabinettsrat, der sich zeitweise auch um das Theater- und Musikleben am Hofe des Herzogs Bernhard kümmern mußte, übersiedelte er nach München und war seit 1869 alleiniger Redaktor der „Allgemeinen Deutschen Biographie“. Das angestrebte Hofmarschallamt beim preußischen Kronprinzen hatte er vorher nicht erlangen können. Er handelte den Ehevertrag zwischen Kronprinz Wilhelm und Prinzessin Auguste Victoria als Vertreter auf der Seite Auguste Victorias aus und zog schließlich 1908 – nach dem Tode seiner Frau – zu seiner Tochter Hedwig nach Berlin. Schließlich mit ihr nach Koblenz, wo er am 5. März 1912 verstarb.

Rochus von Liliencron gelang es immer aufs Neue, neben seinen Ämtern auch wissenschaftlich zu arbeiten. Er trat hervor mit Veröffentlichungen über die Runendenkmäler seiner Heimat und erforschte das weltliche als auch das geistliche Lied seit der Zeit der Minnesänger. Dabei war neu, daß er sich nicht nur mit den Texten, zum Beispiel der deutschen Volkslieder, sondern auch mit deren Melodien beschäftigte. Ein noch heute rezipiertes Werk ist seine „Liturgisch-musikalische Geschichte des evangelischen Gottesdienstes von 1523-1700“ von 1893. Liliencron selbst spielte so gut Klavier, daß er als geschätzter Beethoven-Interpret galt. Er war mit Mendelssohn und Liszt bekannt und mit Brahms befreundet. Überhaupt war er wohl das, was man heute eine gut „vernetzte“ Person nennt. Damit hatte er beste Voraussetzungen von 1900-1910 die Herausgabe der „Denkmäler Deutscher Tonkunst“ zu leiten. In seiner Zeit erschienen 45 Bände. Im Auftrage Wilhelms II. kam unter Liliencrons tatkräftiger Mitwirkung 1906 das 2-bändige „Volksliederbuch für Männerchöre“, genannt auch das „Kaiserliederbuch“, heraus.

Der Freiherr war schon fast 50 Jahre alt, als er 1869 die Redaktion der Allgemeinen Deutschen Biographie übernahm. Der breit Gebildete und ebenso breit Bekannte war dazu bestens geeignet. Die Liste der aufzunehmenden Persönlichkeiten hat er selber erstellt und ebenso die Bearbeiter der Artikel ausgewählt und fast alle anderen Einzelheiten innerhalb der nächsten 42 Jahren bis zu seinem hochbetagten Tode geplant und ausgeführt. Das Werk bestand schließlich aus 55 Bänden mit 26300 Beiträgen, geschrieben von 1850 Mitarbeitern – den bekanntesten Gelehrten seiner Zeit. Diese schrieben ihm während der Arbeit nicht weniger als 10 000 Briefe, die leider verschollen sind. – Verloren ebenso wie der Nachlaß Liliencrons, der inklusive seines Handexemplars der Allgemeinen Deutschen Biographie, 1943 beim Luftangriff auf Hamburg im Hause seiner Enkelin vernichtet wurde.

Der in der Allgemeinen Deutschen Biographie dargestellte Personenkreis kam sowohl aus dem Gebiet der Wissenschaft, als auch der Kunst, der Politik, der Wirtschaft, ja sogar der Technik. Auch in anderen Ländern entstanden in dieser Zeit erste Nationalbiographien, so beispielsweise das englische Dictionary of National Biography. Diese sind jeweils erstrangige Quellenwerke zur Sozialgeschichte der Führungsschichten ihrer Länder. Fortgeführt wird diese Pionierarbeit Liliencrons durch die seit 1953 bis heute erscheinende Neue Deutsche Biographie.

Das Familiengrab derer von Liliencron (siehe Foto) befindet sich in der Grablage II M 13.24 auf dem Friedhof der Luisengemeinde an der Königin-Elisabeth-Straße im Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Es ist Ehrengrabstätte des Landes Berlin laut Senatsbeschluß vom 03.12.1956.

Text und Photo: Anette Detering

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