Robert Albert Martin Radecke zum 100. Todestag

31.10.1830 bis 21.06.1911

Am 21. Juni 2011 jährt sich der 100. Todestag des damals hochgeschätzten Musikers Robert Albert Martin Radecke, der sich durch sein künstlerisches Wirken als Organist, Violinist, Pianist, Komponist, Dirigent und als Musikpädagoge in leitenden Funktionen hervorgetan hatte.

Bis ins hohe Alter von 77 Jahren ging der Virtuose seinen Amtspflichten als Direktor am Königlichen Institut für Kirchenmusik in Berlin nach, seiner letzten beruflichen Wirkungsstätte. Seiner Berufung als Direktor war er 1892 gefolgt, zugleich auch einer Orgelprofessur an die Hochschule für Musik. Mit ihm reifte das Institut für Kirchenmusik zu einer „wahrhaft akademischen Anstalt“ heran. Das durch Carl Friedrich Zelter (1758-1832) 1822 gegründete Königliche Institut für Kirchenmusik erhielt 1903 einen eigenen Neubau in der Hardenbergstraße. Das markante rote Sandsteingebäude mit dem Eckturm, der auf Wunsch Radeckes entstanden ist, hat beide Weltkriege überstanden und wird heute noch in der ursprünglich vorgesehenen Funktion von der Universität der Künste genutzt.

Robert Radecke wurde am 31. Oktober 1830 im schlesischen Dittmannsdorf geboren. Er wuchs in einer außergewöhnlich musikalischen Familie auf. Sein Vater war evangelischer Kantor und Organist. Der junge Radecke zeigte sich für die Musik aufgeschlossen und er war außerordentlich begabt. Er widmete sich in seiner Jugend musikalischen Studien, zeigte erstaunenswerte musikalische Vielseitigkeit und Leistungsfähigkeit, die seine Umwelt beeindruckte.

So wurde er 1848 zur Ausbildung an das Konservatorium in Leipzig geschickt. Berühmte Musiker gehörten zu seinen Lehrern: Komposition studierte er bei Moritz Hauptmann (1792-1868) und August Wilhelm Julius Rietz (1812-1877), Klavier bei Ignaz Moscheles (1794-1870), Violine bei Ferdinand David (1810-1873). Er zählte zu den hervorragendsten Schülern des Konservatorium.
Im Leipziger Gewandhausorchester wurde Radecke von Zeit zu Zeit erster Violinist und trat oft als Pianist und Komponist von Kammermusiken und Orchesterwerken auf. Bereits zwei Jahre nach seinem Studium, im Jahr 1852, wurde er zum zweiten Direktor der Leipziger Singakademie ernannt und im folgenden Jahr zum Kapellmeister des Leipziger Stadttheaters berufen. Dieses Amt bekleidete er nur kurze Zeit.

Hauptwirkungsstätte wurde für Radecke die Reichshauptstadt Berlin. Hier wurde er vielseitig musikalisch tätig. Über mehrere Jahre veranstaltete er Kammermusik-Soireen, errang als Klaviervirtuose hohe Verdienste, die ihm besonders durch die Darbietung der letzten Sonaten Beethovens zuteil wurden. In Eigenregie veranstaltete er seit 1858 Orchester- und Chorkonzerte, durch die er große Aufmerksamkeit „in den ersten musikalischen Kreisen Berlins“ auf sich zog.

Schon bald, 1863, wurde er zum Musikdirektor an die Königliche Hofoper berufen und 1871 als Königlicher Kapellmeister auf Lebenszeit angestellt. Die Hofoper stand damals auf der Höhe ihrer Zeit und war unstreitig die erste in den deutschen Ländern. Unter Radeckes Leitung wurden viele Werke erstmalig aufgeführt. Mit der Neueinstudierung von „Tristan und Isolde“ (Richard Wagner) errang er einen beispiellosen Erfolg. Radecke leitete mehr als 2000 Opernabende, in denen unter anderen Mozart, Beethoven, Weber und Wagner vertreten waren. Mit seiner Anstellung an der Hofoper musste er die großen Abonnement-Konzerte aufgeben, trotzdem leitete er eine Reihe von Konzerten mit großen Künstlern und Virtuosen, darunter Joseph Joachim (1831-1907) und Arthur Rubinstein (1887-1982), die ihre Konzerte stets unter der Leitung von Radecke gaben.

Im Jahr 1878 wurde er Lehrer am Stern’schen Konservatorium der Musik, das als größtes privates Konservatorium Berlins schon 1850 gegründet worden war. Zwei Jahre später übernahm er die Leitung, die er neben seiner Lehrtätigkeit acht Jahre lang ausübte. Zeitzeugen meinen, dass das Konservatorium unter seiner Ägide eine bis dahin unerreichte Bedeutung gewann. Er lehrte noch bis 1891 an der Musikschule. Bemerkt sei, dass auch sein nur ein Jahr älterer Bruder Rudolf Radecke (1829-1893), der als Dirigent und Musikpädagoge gleichfalls in Berlin lebte, in den Jahren 1864 bis 1871 am Stern’schen Konservatorium unterrichtet hatte.

1875 wurde Robert Radecke Mitglied der Königlichen Akademie der Künste in Berlin. 1881 wurde er zum Senator und weitere sechs Jahre später zum Vorsitzenden des Senats der Musiksektion der Königlichen Akademie der Künste gewählt.

Zu seinen Werken zählen Orchester- und Chorwerke, des weiteren Klavierstücke, Stücke für Violine und Pianoforte, Duette und Terzette, ferner Lieder. Bekannt und beliebt wurde das Lied „Aus der Jugendzeit“ (1859), zu dem der Dichter Friedrich Rückert (1788–1866) den Text geschrieben hat. Zu seinen weiteren Kompositionen gehören u. a.: eine „Sinfonie in F“, das Liederspiel „Die Mönkguter“, ein „Capriccio für großes Orchester“ und das „E-Moll Präludium für Orgel“.

Robert Radecke war mit Charlotte Jonas (1837-1880) verheiratet und hatte mit ihr einen Sohn, Ernst Ludwig Sigismund (1866-1920), der ebenfalls ein berühmter Musiker wurde.

Die Grabstätte Robert Radeckes, die auch zu den Berliner Ehrengrabstätten zählt, befindet sich auf dem Alten Zwölf-Apostel-Kirchhof in Berlin-Schöneberg. Von dem ursprünglichen Grabdenkmal ist nur noch der Sockel mit der früheren Inschrift Robert Radeckes und seiner dort vor seinem Ableben bestatteten Ehefrau vorhanden. Das frühere Grabdenkmal ersetzt eine schlichte Stele, die auf dem originalen Sockel erhöht steht. Die Frontseite enthält in vertieften, rot ausgestrichenen Buchstaben die Inschrift ROBERT / RADECKE / 1830 – 1911 / KGL. HOFKAPELLMEISTER / KOMPONIST DES LIEDES / „AUS DER JUGENDZEIT“– und nachfolgend ein mittig gesetztes lateinisches Kreuz.

Text: Martina Samulat-Gede, Öffentlichkeitsarbeit

Bildnachweis: Martina Samulat-Gede: Ansichten des Grabdenkmals Robert Radecke, Gesamt- und Detailansicht des früheren Sockels, Alter Zwölf Apostel Kirchhof Berlin, Aufnahmen 2011

Literatur – Nachschlagewerke – Internetquellen

– Beckmann, Gustav, Robert Radecke, in: Zeitschrift der internationalen Musikgesellschaft, 2. Jg., Heft 1, 1900, S. 79-84
– Deutsche Biographische Enzyklopädie der Musik, bearbeitet v. Bruno Jahn, Bd. 1, München 2003, S. 668
– Das neue Lexikon der Musik in vier Bänden, Bd. 3, Stuttgart und Weimar, 1966, S. 772
– Das große Lexikon der Musik in acht Bänden, hrsg. v. Marc Honegger und Günther Massenkeil, Bd. 6, Freiburg, Basel, Wien 1981, S. 391
– Krause, Theodor, Über Musik und Musiker, Drei Reden: I. Auf Robert Radecke, II. Auf Albert Löschhorn, III. Zur Jahrhundertwende, Berlin 1900
– Wer ist’s?, Unsere Zeitgenossen, Zeitgenossenlexikon, zusammengestellt und herausgegeben v. Herrmann A. L. Degener, 3. Ausg., Leipzig 1908, S. 1084
– Universität der Künste Berlin: Berlin als Ausbildungsort – Personen-Datenbank des Stern’schen Konservatoriums, Internetquelle: http://www.udk-berlin.de/sites/musikwissenschaft/content/lehre_und_forschung/forschung/
forschungsprojekte/berlin_als_ausbildungsort___personen_datenbank_des_sternschen_konservatoriums/index_ger.html (Stand: 18.05.2011)
– Universität der Künste Berlin: Das Institutsgebäude in der Hardenbergstraße, Internetquelle: http://www.udk-berlin.de/sites/kirchenmusik/content/e82108/e82272/index_ger.html
(Stand: 18.05.2011)

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