RAHEL VARNHAGEN VON ENSE

*19.Mai 1771 in Berlin; †7.März 1833 in Berlin

Zum diesjährigen 242. Geburtstag der Schriftstellerin und Salonière am 19. Mai

Heinrich Heine bewunderte sie als „geistreichste Frau des Universums“ und der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer notierte nach einem Besuch in sein Tagebuch: „ … ich habe nie in meinem Leben interessanter und besser reden gehört.“ Rahel Varnhagen von Ense gilt als die berühmteste jüdische Salonière Berlins. In ihrem Salon trafen sich ab 1790 die geistigen Größen der Zeit.

Rahel Levin wurde am 19. Mai 1771 als Tochter des jüdischen Bankiers und Juwelenhändlers Markus Levin und seiner Frau Chaie Levin in Berlin geboren. Als Mädchen hatte sie die außergewöhnliche Gelegenheit, dem häuslichen Unterricht ihrer Freundin Brendel Mendelssohn beizuwohnen. Brendels Vater, der jüdische Philosoph Moses Mendelssohn, erteilte seinen beiden Töchtern und deren Freundinnen – unter ihnen auch Henriette de Lemos, später Herz – Unterricht in Philosophie, Mathematik, Sprachen, Literatur und Rhetorik. Eine solch umfassende Bildung war für (jüdische) Mädchen der damaligen Zeit ein ungewöhnliches Vorgehen. Brendel und ihre Freundinnen waren ebenso an den gesellschaftlichen Teenachmittagen im Hause Mendelssohn anwesend. Die Atmosphäre eines gebildeten jüdischen Bürgerhauses prägte die literarisch und gesellschaftspolitisch interessierte Rahel. Brendel Mendelsohn (1763-1839), Henriette Herz (1764-1847) und Rahel Varnhagen sollten später das berühmte Dreigestirn der jüdischen Geselligkeit in Berlin werden.

Mit jungen 19 Jahren lud die kulturbeflissene Berlinerin erstmalig im Haus der Familie in der Jägerstraße 54, nahe dem Gendarmenmarkt, zur eigenen Geselligkeit ein. Mit Geist, Charme und Herzlichkeit führte die Gastgeberin ihren Salon, in dem Dichter, Philosophen, Naturforscher, Politiker, Gesellschaftsgrößen und Aristokraten miteinander verkehrten. Berühmte Gäste waren Jean Paul, Ludwig Tieck, Friedrich Schlegel, Wilhelm und Alexander von Humboldt, Friedrich de la Motte Fouqué, Prinz Louis Ferdinand und dessen Geliebte Pauline Wiesel.
Neben Lesungen und kleinen Konzerten wurde auch politisch debattiert. Themen wie das Recht der Frauen auf Bildung und Gleichheit, die Französische Revolution oder die Anerkennung der Juden wurden in keinem anderen Salon erörtert.

Mit der Niederlage Preußens gegen Napoleon und der folgenden französischen Besetzung war Rahels erste Salonzeit vorüber. Das geistige Klima in Berlin änderte sich. Die einst berühmte Salonière lebte einige Zeit recht zurückgezogen und einsam. Von Berlin und Prag aus pflegte sie weiterhin regen Briefwechsel. In diesen Jahren lernte sie den 14 Jahre jüngeren Diplomaten Karl August Varnhagen kennen. Mit Karl August, der später in den Adelsstand gehoben wurde und fortan Karl August Varnhagen von Ense hieß, lebte Rahel bis zu ihrem Tod glücklich zusammen. Sie war bereits 43 Jahre alt, als sie ihn 1814 – nach Übertritt zur christlichen Religion – in Berlin ehelichte. Das Paar lebte einige Jahre in Wien, Frankfurt am Main und Karlsruhe.

Als sie 1819 nach Berlin zurückkehrten, eröffnete Rahel in ihrem repräsentativen Haus in der Französischen Straße, Ecke Friedrichstraße erneut einen Salon. Wieder wurden ihre Gesellschaften zum Zentrum des geistig-kulturellen Berlins. Heinrich Heine, die Brüder Humboldt, Adelbert von Chamisso, E. T. A. Hoffmann, Carl Ludwig Börne, Achim und Bettina von Arnim, Fürst Hermann von Pückler-Muskau, Leopold von Ranke und Georg Wilhelm Friedrich Hegel zählten u. a. zu den illustren Rahel-Gästen. Ihre charismatische Ausstrahlungskraft und tiefe Menschlichkeit blieben die zusammenhaltenden Elemente all dieser unterschiedlichen Persönlichkeiten.

Rahel Varnhagen verstarb im Alter von 62 Jahren am 7. März 1833 in Berlin. Ihr Verlust war in allen Kreisen Deutschlands spürbar. Sie hinterließ eine umfangreiche Korrespondenz. Ein Großteil ihrer Schriften und Briefe wurde postum von ihrem Ehemann herausgegeben.
Ihr Ehrengrab befindet sich auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof I in Berlin-Kreuzberg. Aus Angst Scheintot begraben zu werden, wurde ihr Sarg mit einem Fenster versehen und zunächst oberirdisch in einer Halle auf dem Friedhof am Halleschen Tor aufbewahrt. Erst 1867 – 34 Jahre später – wurde Rahels Sarg auf Anweisung ihrer Nichte Ludmilla Assing zur Grabstätte überführt. Dort ruht sie neben ihrem 1858 verstorbenen Ehemann Karl August Varnhagen von Ense. Zwei marmorne Kissensteine mit dunklen Inschriften und seitlichen Ornamenten befinden sich auf einem mit Efeu bepflanzten Grabhügel. Eine zusätzliche Marmorplatte über beiden Steinen trägt folgende Worte Rahels: „Gute Menschen – wenn etwas Gutes für die Menschheit geschieht – dann gedenkt freundlich in Eurer Freude auch meiner.“

Quellen:
Gélieu, Claudia von und Beate Neubauer: Hexen, Salonièren, Girls. Berliner Frauengeschichte erzählt. Berlin 2008.
Haspel, Jörg und Klaus von Krosigk, Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Gartendenkmale in Berlin. Friedhöfe. Petersberg 2008.
Hertz, Deborah: Die jüdischen Salons im alten Berlin. Frankfurt am Main, 1991.
Mende, Hans-Jürgen und Debora Paffen: Die Friedhöfe vor dem Halleschen Tor – Ein Friedhofsführer, Teil I. Berlin 2003.
Stern, Carola: Der Text meines Herzens. Das Leben der Rahel Varnhagen. Reinbeck 1994.

Text und Fotos: Juliane Bluhm

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