Carl (Karl, Karol) Tausig zum 170. Geburtstag

04.11.1841 bis 17.07.1871

Von Martina Samulat-Gede

Der hoch begabte Pianist Carl Tausig, der sich auch als Komponist und Dirigent hervortat, wurde vor 170 Jahren, am 4. November 1841, in Warschau geboren. Er war einer der bedeutendsten Schüler Franz Liszts, der ihn im Briefwechsel mit dem befreundeten Richard Wagner (1813-1883) als einen „Wunder-Kerl“ anpries und seine „ganz außerordentlichen Fähigkeiten“ hervorhob.

Bis zu seinem 14. Lebensjahr unterrichtete ihn sein Vater, der aus Böhmen stammende Pianist und Komponist Aloys Tausig (1820-1885), ein Schüler des Klaviervirtuosen und Komponisten Sigismund Thalberg (1812-1871). Anschließend kam Carl Tausig zu Franz Liszt (1811-1886) in den Unterricht, der eine „aufrichtige Liebe und Vorliebe“ zu seinem Schüler entwickelte und auch über die Ausbildungszeit hinaus eng mit ihm verbunden blieb so wie auch Tausig selbst, der seinen Lehrer bewunderte und zutiefst verehrte. Durch Liszt kam er 1858 mit Richard Wagner zusammen, der eine große, fast väterliche Sympathie für Tausig empfand und überaus beeindruckt war von seiner weitreichenden Bildung und seinem erstaunlichen Talent, so dass ihn sein „rasendes Klavierspiel“ erzittern ließ.

1858 hatte Tausig in Berlin sein Début unter der Dirigentschaft Hans von Bülows (1830-1894); er war außerordentlich erfolgreich. Danach hielt er sich in Dresden und Wien auf. In Wien trat er mit eigenen symphonischen Dichtungen und als Dirigent auf und veranstaltete zahlreiche Orchesterkonzerte mit Werken Liszts. Hier verkehrte er außerdem häufig mit Brahms (1833-1897).

Auslandsreisen führten ihn unter anderen nach Paris, wo er Anfang 1859 sein erstes Konzert im „Saale Beethoven“ mit einem „beau succès“ (schönen Erfolg), wie er Liszt in einem Brief bewegt mitteilte, gegeben hatte. Die Stadt selbst übte keinen Reiz auf ihn aus, im Gegenteil, weder Theater noch Oper weckten sein Interesse, noch weniger die Straßen und Boulevards, denn er liebte es nicht zu flanieren. Er bevorzugte es, zu Hause zu sein, um an einer Partitur zu schreiben. Im gleichen Jahr wurde in der Philharmonie in Breslau zum ersten Mal seine „Fantasie pour Piano et Orchestre“ unter der Leitung von Leopold Damrosch (1832-1885) aufgeführt, ein großes Ereignis für Carl Tausig, seine eigene Komposition öffentlich spielen zu hören.

Tausig war inzwischen ein weltberühmter Musiker geworden. Nachdem er Ende 1864 die Pianistin Seraphine von Vrabely (1841-1931), eine Schülerin Alexander Dreyschocks (1818-1869), geheiratet hatte, nahm er 1865 seinen Wohnsitz in Berlin, wo er zum Hofpianisten ernannt wurde. Im Jahr darauf gründete er eine „Akademie des höheren Klavierspiels“, die er aber schon nach wenigen Jahren wieder aufgab. Unter den Lehrern befand sich auch der bekannte Pianist, Komponist und Musikpublizist Louis Ehlert (1825-1884).

Zeitgenössische Künstler, und dazu sein Lehrer selbst, hoben sein erstaunliches technisches Vermögen und seine Ausdauer hervor. Seine linke Hand war so gut ausgebildet, dass er sie anscheinend wie eine zweite rechte gebrauchen konnte. Liszt beurteilte seine Finger als „ehern“ und Arthur Rubinstein (1887-1982) bezeichnete ihn als den „Unfehlbaren“. Dazu fiel er durch seine hervorragenden Interpretationen auf. Selbst stupend schwierige Stücke konnte er verblüffend leicht spielen und „in höchster Vollendung“ hervorragend darbieten, sich wohl ausgezeichnet in die Eigentümlichkeiten des jeweiligen Kompositionsstils einfühlen.

Carl Tausig verstarb mit nur 29 Jahren, am 17. Juli 1871, an Tyhus als er sich auf Reisen in Leipzig befand. Auf der Höhe seiner künstlerischer Entwicklung verlor die Kunstwelt einen großartigen Pianisten, Komponisten und Dirigenten.

In seinem kurzen Leben schuf er mehrere eigene Werke für Klavier, die beispielsweise unter dem Namen „Das Geisterschiff“ (bzw. „Etudes de Concerts“, „Impromptu“), „Tarantelle“ oder „Rêverie“ bekannt wurden. Er bearbeitete zahlreiche Arrangements, Transkriptionen und Paraphrasen von Werken bedeutender Komponisten, von denen Johann Sebastian Bach, Hector Berlioz, Franz Liszt, Domenico Scarlatti, Franz Schubert, Robert Schumann und Richard Wagner genannt seien. Erhalten haben sich Tausigs „Tägliche Studien“ für Pianisten, die der Pianist, Komponist und Schriftsteller Heinrich Ehrlich (1822-1899) nach seinem Tod herausgab.

Auf Veranlassung des berühmten Pianofabrikanten Carl Bechstein (1826-1900), der zum engeren Freundeskreis Tausigs zählte, wurde der Leichnam des Pianisten aus Leipzig nach Berlin überführt und auf dem dritten Friedhof der Jerusalems- und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor beigesetzt. Bechstein übernahm außerdem die Herstellungskosten für ein Grabdenkmal. Den Auftrag erhielt der bekannte Berliner Bildhauer Gustav Hermann Blaeser (1813-1874), ein Schüler Christian Daniel Rauchs (1777-1857), der auch die imposante Liegefigur zusammen mit den beiden Engeln für die von August Stüler entworfene Grabkapelle des Kunstsammlers und Kommerzienrats Peter Louis Ravené auf dem Friedhof der französisch-reformierten Gemeinde in der Berliner Chausseestraße geschaffen hat und von dessen hervorragenden Werken im Berliner Stadtraum besonders die Schlossbrückengruppe „Athena schützt den Krieger im Kampf“ zu nennen ist. Das gestiftete Grabdenkmal wurde zwei Jahre nach dem Tod des Musikers auf seiner Grabstätte errichtet und am 25. Juni 1873 feierlich enthüllt. Zur Ausführung gelangte eine Stele in Form eines naturnah behauenen Felsenbrocken aus Syenit. Felsartige Grabdenkmäler kamen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts „in Mode“. Symbolisch drückt das felsartige Gestein etwas beständiges, die Zeiten überdauerndes aus, christlich-biblisch versinnbildlicht der Fels die Stetigkeit im Glauben und den Ort der sicheren Zuflucht, das Vertrauen auf den Schutz und das Heil Gottes (zum Beispiel Ps 18,3, 18,32, 31,3; Mt 16,18). Das obere Drittel schmückte ein marmornes Portraitmedaillon des Virtuosen, das im Zweiten Weltkrieg verloren ging und 1986 durch eine Photoätzung auf Kupfer durch den „Aktionskreis für das Werk Wagners e. V.“ (heute: Deutsche Richard-Wagner-Gesellschaft e. V.) ersetzt wurde. Unterhalb des ehemaligen Bildnisses ist ein poliertes Inschriftfeld in die felsige Stelenoberfläche eingearbeitet. In goldenen Lettern stehen dort der Name „Carl Tausig“ und einige gedichtete Verse Richard Wagners:

„Reif sein zum Sterben, / Des Lebens zögernd spriessende Frucht, / Früh reif sie erwerben / In Lenzes jäh erblühender Flucht / War es Dein Loos, war es dein Wagen, / Wir müssen dein Loos wie dein Wagen beklagen. / (Richard Wagner)“

Der Initiative und dem Engagement Hans Jürgen Schatz’, Schauspieler und Kuratoriumsmitglied des Vereins zur Förderung der Denkmalpflege „Denk mal an Berlin e. V.“, ist es zu verdanken, dass das Grabdenkmal Carl Tausigs restauriert wird und außerdem eine Reproduktion des verlorengegangenen Portraitmedaillons erhält. Um die erforderliche Restaurierungssumme zusammenzubringen, hatte er eine ausgezeichnete Idee: Er nahm das diesjährige List-Jahr und dazu Liszts 200. Geburtstag zum Anlass für ein Konzert mit Melodramen und Klavierstücken des bedeutenden Künstlers, das am 23. Oktober 2011 in der Mendelssohn-Remise, Berlin, veranstaltet wurde. Aus den Spenden, den Mitteln des Evangelischen Friedhofsverbandes Berlin Stadtmitte und der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe werden nun die erforderlichen Restaurierungsarbeiten am Grabdenkmal des hervorragenden Liszt-Schülers Carl Tausig finanziert.

Mit der Organisation von Benefizkonzerten und den daraus hervorgegangenen Einnahmen hat sich Hans Jürgen Schatz bereits in der Vergangenheit beispielhaft für die Erhaltung zahlreicher Berliner Grabdenkmäler eingesetzt. So konnten die Grabstätten von Friedrich Schleiermacher (1768–1834), August Wilhelm Iffland (1759-1814), Friederike Bethmann-Unzelmann (1760-1815), Charlotte von Kalb (1761-1843), Karl Konrad Friedrich Wilhelm Lachmann (1793-1851) und Philipp Marheineke (1780-1846) auf den Kreuzberger Friedhöfen am Halleschen Tor und in der Bergmannstraße restauriert und instandgesetzt werden.

Bildnachweis: Martina Samulat-Gede, Grabdenkmal Carl Tausig im Zustand vor der Restaurierung, Vorder- und Rückseite der Stele, Fotos 2011

Literaturhinweise:
– Berliner Musik-Almanach, hrsg. v. Fried Weisbrid. Teil 1: Christiane Wanjura-Hübner. Gedenk-Almanach. Berlin: Landesmusikrat e. V., o. J. (1992)
– Briefe hervorragender Zeitgenossen an Franz Liszt, hrsg. v. La Mara, Bd. II, Leipzig 1895
– Hans von Bülow: Briefe und Schriften, hrsg. v. Marie von Bülow. Briefe. IV. Band 1864-1872, Leipzig 1900
– Edward Dannreuther: Tausig, Carl, in: The New Grove Dictionary of Music and Musicans, 2. Ausg., hrsg. v. Stanley Sadie, Vol. 25, London 2001, S. 125 f.
– Franz Liszt – Richard Wagner. Briefwechsel, hrsg. v. Hanjo Kesting, Frankfurt a. M., 1988
– Wilhem von Lenz: Die großen Pianoforte-Virtuosen unserer Zeit aus persönlicher Bekanntschaft. Liszt – Chopin – Tausig – Henselt, Düsseldorf 2000 (Reprint v. 1872)
– Pianisten in Berlin. Klavierspiel und Klavierausbildung seit dem 19. Jahrhundert, hrsg. v. Wolfgang Rathert und Dietmar Schenk, mit Beiträgen v. Linde Großmann u. a., Hochschule der Künste Berlin, HDK-Archiv, Bd. 3, Berlin 1999
– Michael Puls: Gustav Hermann Blaeser. Zum Leben und Werk eines Berliner Bildhauers. Mit Werkverzeichnis der plastischen Arbeiten, Köln 1996
– Peter Rummenhöller: Franz Liszt und seine Schüler in Berlin: Carl Tausig (1841-71), in: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae 42 / 1-2, 2001, S. 65-76
– Peter Rummenmöller: Tausig, Carl, Karl, Karol, in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 16, Stuttgart 2006, Sp. 559 f.
– Reinhold Sietz: Tausig, Karl, in: Musik in Geschichte und Gegenwart, Bd. 13, Basel, Paris, London, New York 1966, Sp. 151 f.

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